Die Suffizienz-Werkstatt
Eines unserer Büro-Entwicklungsthemen ist seit vielen Jahren die Suffizienz (= Genügsamkeit), mit dem Schwerpunkt Gebäudeplanung.
Definition und Historie:
Der Begriff (lat. sufficere = genügen) wurde im aktuellen Nachhaltigkeitskontext zuerst gebraucht von Wolfgang Sachs (Publizist zu den Themen Umwelt-Entwicklung-Wirtschaft, in Club of Rome, Wuppertal-Institut, Greenpeace) im Jahr 1993 in der Schrift: „Merkposten für einen maßvollen Wirtschaftsstil“.
Für eine langfristige nachhaltige Entwicklung und zugleich Ermöglichung eines „guten Lebens“ für alle ist die Kombination von 3 sich ergänzenden Grundstrategien nachhaltigen Wirtschaftens erforderlich:
- Suffizienz – Genügsamkeit, bedarfsgerechter Ressourcengebrauch und Lebensstil
- Effizienz – Optimierung des Ressourcenverbrauchs durch technische/wirtschaftliche Innovation, mehr Ertrag aus weniger Ressourcen
- Konsistenz – Ersetzen von fossilen Rohstoffen durch fossilfreie/solare /erneuerbare Ressourcen oder/und Kreislaufwirtschaft (PV, Geothermie, Wärmepumpe u.ä.)
Idealerweise reduziert die Suffizienz im ersten Schritt den Bedarf auf das tatsächlich für „ein gutes Leben“ notwendige Maß, um dann mit minimalem Ressourceneinsatz auf maximalen Ertrag hin zu wirken (Effizienz) und zugleich die mengenreduzierten final benötigten Ressourcen fossilfrei zu erstellen (Konsistenz).
Suffizienz contra „Rebound-Effekte“:
Fehlt die Suffizienz (was wir aktuell als Defizit sowohl in der politischen Diskussion als auch in den bisherigen Nachhaltigkeits-Strategien erleben), bleibt der Bedarf zu hoch oder steigt sogar wieder. Mit dem sogenannten „Rebound-Effekt“ werden durch Effizienz erzielte Einsparungen wieder aufgehoben, z.B. werden die durch verbesserte Baustoffe und energetische Standards seit den 70ger Jahren erzielten Energieeinsparungen pro m² Wohnfläche durch die im deutschen Durchschnitt seit 1960 auf 49m²/Pers. verdoppelte Wohnfläche im Gesamtergebnis komplett aufgefressen.
Suffizienz als Lebensstil-Thema im gesellschaftlichen Diskurs:
Die Suffizienz-Strategie hat gesellschaftlich betrachtet 3 Ziele (s. SUR - Sachverständigenrat für Umweltfragen – Diskussionspapier: Suffizienz als „Strategie des Genug“ 2024) :
- Reduktion des Endverbrauchs von Ressourcen (gesamtgesellschaftlich)
- Umverteilung der Verbräuche – gerechtere Verteilung z.B. Wohnraum (innergesellschaftlich)
- Verhaltensänderung sozialer Praktiken - weniger Verkehr, anders Essen/Wohnen/Bauen u.ä.
Die notwendige Debatte um einen veränderten an die Bedarfe angepassten und nicht kommerziell getriebenen Lebensstil beginnt, aber hat es schwer, weil das „weniger Konsumieren“ dem Grundaxiom unseres kapitalistischen Wirtschaftsmodells zuwiderläuft, das auf stetiges Wachstum gegründet ist. Sinkt die (in BIP/Bruttoinlandsprodukt gemessene) Wirtschafts-Prognose, wird uns kollektiv flau in der Magengrube. Diese dominante Betrachtungsweise ist zu hinterfragen, zu korrigieren oder zu ergänzen, um suffiziente Strategien in erforderlichem Maße entfalten zu können (alternative Bemessungsgrundlage für Wohlstand z.B. auf Basis der 11 OECD-Kriterien für Lebensqualität: Wohnen, Einkommen, Beschäftigung, Gemeinsinn, Bildung, Umwelt, Gesundheit, soziale Integration, Sicherheit, Lebenszufriedenheit, Zivilengagement). Wenig hilfreich ist auch der regelmäßig geübte mediale Aufruhr gegen vermutete „Verbotsregulatorik“, - in Bezug auf Suffizienz eine Irreführung, denn es geht ja gerade um die gerechtere Verteilung der Ressourcen für alle.
Wuppertal Institut: Doppelte Entkopplung unserer Wohlstandsmodelle
Da trotz aller Erfolge bei Energie- und Ressourcen-Effizienz die globalen ökologischen Herausforderungen weiter anwachsen, fordert das Wuppertal Institut eine "doppelte Entkopplung": „Es muss sich nicht nur der Umweltverbrauch vom Bruttosozialprodukt entkoppeln (Öko-Effizienz), sondern auch unser künftiger Wohlstand vom ökonomischen Wachstum (Suffizienz)… Die Forschung des Wuppertal Instituts setzt sich daher mit der Suche nach neuen Wohlstandsindikatoren und Suffizienz-Strategien auseinander.“ (https://wupperinst.org/themen/wohlstand/suffizienz/ )
In der Gebäudeplanung entwickelt sich, angetrieben durch den immensen Baukostenanstieg (55% seit 2000), aber auch durch die europäischen Zielvereinbarungen zur Nachhaltigkeit (Klima-Neutralität in der EU bis 2050, in Deutschland bis 2045) trotzdem eine Not-Wendigkeit zur Suffizienz, die wir als Architekten nutzen und im Rahmen unserer Arbeit mit überzeugenden Lösungen zu ihrer – gegen den Trend - positiven Bewertung beitragen wollen.
Suffizienz-Strategien für den Bau-Sektor:
Seit 1970 hat sich das Wirtschaftswachstum in etwa verdoppelt und einen entsprechenden Anstieg des ökologischen Fußabdrucks hinsichtlich des Treibhausgaspotentials (GWP = global warming potential), d.h. der für die Erderwärmung verantwortlichen Treibhausgase, bewirkt, was die Dringlichkeit der o.g. Suffizienz-Strategien hinsichtlich Entkopplung unterstreicht.
Aktuell ist der Gebäudesektor in Europa für 36% der Treibhausgasemissionen, für 40% des Energieverbrauchs, für 50% des Abfalls und für 90% des Ressourcenverbrauchs verantwortlich.
Eine strategische Suffizienz-Hierarchie für eine nachhaltige Zukunft im Bauen könnte lauten:
Rethink – refuse – reuse – reduce – repair – recycle
(deutsch: überdenke – widerstehe – nutze neu – reduziere – repariere – führe im Kreislauf)
Was folgt daraus für unsere Gebäudeplanung:
So wie in der Entkopplung der Wirtschaft von der Fixierung aufs Wachstum muss in der Gebäudeplanung die Bewertung der Qualität einer Wohnung von der Fixierung auf die Wohnfläche gelöst werden. Es sollte heißen: „Qualität statt Quantität“ – z.B. Bewertung/Beschreibung einer Wohneinheit nach Anzahl der Räume, der Nutzungen und der Wohnqualität - anstelle primär über die Quadratmeter (z.B. in Skandinavien wird eine WE zunächst über die Raumanzahl definiert).
Ebenso müssen wir uns lösen von der Ausrichtung auf das Primat von Abbruch und Neubau. Es sollte heißen „Bestandserhalt statt Neubau“ und „Umnutzung statt Abbruch“.
Ein großer Suffizienz-Hebel ist Erhalt, Umbau und Weiternutzung von Bestandsgebäuden durch die damit verbundene Einsparung von Grauer Energie.
Die Graue Energie beschreibt die unsichtbare Energie, die in einem Gebäude zusätzlich zur Betriebsenergie in der Nutzungsphase steckt, also den Ressourcenbedarf für die Erstellung und den finalen Abbruch des Gebäudes, umgerechnet in CO2-Äkquivalent.
Erhaltung des Rohbaus eines Gebäudes, Sanierung und Verdopplung seiner Nutzungsdauer verbessert die energetische Gesamt-Ökobilanz des Gebäudes erheblich, denn im Durchschnitt steckt im Rohbau gut 1/3 des Gesamtenergieverbrauchs eines Gebäudes über seinen Lebenszyklus.
(d.h. bei Neu-Errichtung eines konventionell energieeffizienten Neubaus entstehen überschlägig 500kg CO2 pro m² Wohnfläche, was ca. die Hälfte der Gesamt CO2-Emissionen über eine durchschnittlich angenommene Lebensdauer von 50 Jahren ausmacht).
Achtung, Nebenwirkungen:
Bei der Beschäftigung mit Suffizienz-Konzepten kann es jedoch nicht darum gehen, die Grundrisse mit dem Schraubstock maximal zu verdichten… Insbesondere im Neubau lässt manche renditegetriebene Projektentwicklung mit Mini-Appartement-Wohnen, pseudo-suffizient getarnt, eher an Haftanstalten oder Aufbewahrungsboxen denken als an das Menschenrecht auf eine gesunde und würdevolle Wohnumgebung. Gerade beim Reduzieren der Flächen muss besonderes Augenmerk auf die räumliche Qualität (Licht, Raumhöhe u. -Proportion, Nutzungsvielfalt und Flexibilität, wohngesunde Materialien) gelegt und auf qualitätssichernde Maßnahmen (Wettbewerbe, professionelle Ausschreibung, Konzeption, Beurteilung, partizipative Mitwirkung der späteren Nutzer) geachtet werden. Weiterhin werden in hochwertigen Suffizienz-Konzepten immer auf Projekt- oder Quartiersebene zusätzliche, auch kompensatorisch wirksame Angebote integriert sein, z.B. Gemeinschaftsflächen mit zusätzlichen Nutzungen, sowie hochwertige Freiflächen, die für Begegnung, gemeinschaftliche und individuelle Freizeitgestaltung nutzbar sind.
Hier ist unter dem aktuellen Kostendruck die Qualitäts-Debatte immer erneut ernsthaft zu führen. Dafür braucht es Architekten mit integrativem Ansatz und gestalterischer Kompetenz, die unabhängig von Rendite-Interessen im Sinne der Nutzer, der Zielgruppen entwerfen. Ebenfalls braucht es einen respektvollen und kreativen Umgang mit dem Gebäudebestand mit dem Ziel, maximaler Erhaltung, Um- und Weiternutzung.
Beispielprojekte:
- Köln-Mülheim - Sanierung Dreifensterhaus mit Suffizienz-Wohnen
- Bonn Rheinaue - gemeinschaftliches Wohnprojekt mit suffizienter Flex-Struktur
- Stiftung Alltags-Heldinnen – zielgruppengerechtes Wohnen für Alleinerziehende mit Kindern
- INSgesamt eV – inklusives gemeinschaftliches Wohnen im Hinterhaus
Gerne erstellen wir Ihnen ein Suffizienz-Konzept für Ihr Umbau- oder Neubauprojekt oder referieren zum Thema „Einfach Nachhaltig“ oder …Suffizienz“… für Ihr gemeinschaftliches Wohnprojekt.