Ev. Kirchengemeinde Troisdorf
von Bernhard Michels
mit Auszügen aus unserer Rede zur Einweihung…
Prolog: „Reparieren und Sanieren ist die Bauaufgabe der Gegenwart und Zukunft.“ Das bisher allzu selbstverständliche Prinzip „Abriss und Neubau“ können wir uns als Gesellschaft nicht mehr leisten, wenn wir den hohen und klimaschädlichen CO2-Verbrauch Deutschlands auf ein Enkeltaugliches Maß bringen wollen.
Mit dieser Haltung unseres Büros kamen wir ins Gespräch mit der Ev. Kirchengemeinde Troisdorf, nachdem deren ursprüngliche Planung eines großen Neubaus als Quartierszentrum für Kirche und Stadt aus Kostengründen begraben werden musste. Wir boten zunächst eine Untersuchung des Gebäudebestandes aus 3 Gebäudeteilen (Wohnhaus, Gemeindehaus und Gemeindebüro) im Hinblick auf seine „Quartierszentrums-Tauglichkeit“ an.
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Dazu gab es aus der Ursprungsplanung ein Raumprogramm und ein Budget.
Und es gab das alte und – zugegebenermaßen ungeliebte - Haus. Ein Bau von 1935 mit Erinnerung an die Nazizeit, mindestens in Bezug auf den heimattümelnden Stil des Gemeindehauses. Schwer und dunkel mit viel Gips- und Holzdekor und im wörtlichen bzw. gebauten Sinn hohlem Pathos – viele der schweren Pfeiler waren innen hohl.
Die Aufgabe lautete also nicht nur, die Gebäude zu sanieren und das gewünschte Raumprogramm inkl. der funktionalen und technischen Anforderungen dem Bestand einzuleiben, sondern auch, eine zeitgemäße, freundlich einladende Atmosphäre zu gestalten. … und den Bauherrn-Gremien eine neue Zuversicht für ihre zukunftsweisende Idee eines „Quartierszentrums“ zu vermitteln (– d.h. ein von der Kirche nicht nur für die evangelischen Gemeindeglieder, sondern für die Stadt, alle BürgerInnen und Institutionen von Troisdorf geöffnetes Gemeindehaus).
Wir nahmen es als unsere Überzeugung und Aufgabe, die trotz allem vorhandenen Qualitäten des Gebäudes wieder zu entdecken und freizulegen.
Beispielhaft für diese Qualitäten und die Vorteile von Bestandserhaltung und Sanierung seien 3 Themenfelder genannt:
- 1. Beispiel: die städtebauliche Qualität des Gesamt-Ensembles aus Wohnhaus, Gemeindehaus und Kirche um den dreieckförmigen städtischen Platz herum. Diese Qualität ist insbesondere vom Bahnhof kommend zu spüren, wenn sich der Blick entlang der ungewöhnlich gerundeten Wohnhausfassade sanft und kontinuierlich zur imposanten neoromanischen Kirche (von Martini-Architekten 2006 qualitätvoll saniert) hin weitet und mit dem Turm nach oben öffnet (s. Foto u Lageplan dazu). Damit entsteht ein unverwechselbarer öffentlicher Raum, der zur Identität der Stadt gehört und beiträgt.
Aus der Wertschätzung und Erhaltung des Alt-Bestandes entsteht ein Beitrag zum Gemeinwohl der Stadt. Hier wurde ein großer Teil eines Gebäudeensembles in seinem ursprünglichen integrativen Potential für die Stadt nicht wegen Überalterung herausgebrochen und durch Neues ersetzt. Und damit wurde es auch dem kollektiven Gedächtnis, dass ein sehr langsames Geschehen ist, nicht entwendet, sondern stattdessen wiederhergestellt in seiner alten Form und in neuer Ausstrahlung –
Hervorzuheben ist, dass auch die Stadt Troisdorf hier nicht nur wohlwollend unterstützt hat, sondern diesen Ansatz weitertreibt, indem auch der Platz in neuer Qualität mit den Bürgern partizipativ geplant und wiederhergestellt werden wird.
Zu diesem Platz öffnet sich das Gemeindezentrum nun bereits mit zahlreichen transparent gestalteten Türen, wo vorher dunkel gerahmte tiefliegende Bogenfenster waren - und mit einem großzügigen, lichten, zukünftig orangerot gerahmten Eingangsportal, wo vorher ein massiver dunkler Vorbau wie in eine ägyptische Grabanlage hinunterzuführen schien. Auch im Obergeschoss und im Bürogebäude erhielten einige Fenster aufgesetzte Aluminiumblech-Umrahmungen, die in den öffentlichen Raum hinein ausstrahlen und die Verbindung suchen – auch in ihrer Farbigkeit als Brücke zur backstein-rotorangenen Kirche.
Das Quartierszentrum öffnet sich zum städtischen Platz mit einer Terrasse auf der Grenze - ausgreifend als geöffnete Verbindung von Kirche und Stadt.
Hier unterstützte die Stadt Troisdorf, indem sie der Gemeinde einen Grundstücksstreifen für diese Terrasse und den Eingangsbereich verkaufte und es begann ein guter Abstimmungsprozess zur gemeinsamen Gestaltung dieser Nicht-Grenz- sondern Verbindungsflächen von Terrasse, Weg und Platz.
Als 2. Beispiel zu den Vorteilen der Bestandserhaltung ist die Qualität des immer schon vielgenutzten Gemeindesaales im OG zu nennen, - hinsichtlich Raumgestalt, Nutzungsvarianz und Akustik. Da bedurfte es nur vergleichsweise weniger Eingriffe zur Erneuerung - und da bedeutet weniger Eingriff auch mehr Qualitätserhalt ….
Als 3. Beispiel verweisen wir auf die unsichtbare, aber sehr relevante Nachhaltigkeit der Bestandserhaltung – der Einsparung von Grauer Energie. Die Graue Energie beschreibt den Gesamtenergieaufwand als CO2-Verbrauch, der in einem Gebäude über seine Lebensdauer steckt, also nicht nur die Betriebsenergie in der Nutzung, sondern auch für die Erstellung und den Abbruch des Gebäudes. Wenn Sie einen Altbau nicht abbrechen, sondern den Rohbau erhalten und dessen Nutzungsdauer möglicherweise - und hoffentlich! - verdoppeln, verbessern Sie die energetische Gesamtbilanz im Lebenszyklus des Gebäudes erheblich. Im Durchschnitt steckt im Rohbau 1/3 der Gesamtenergie eines Altbaus, der eben hier nicht abgebrochen und neu errichtet werden musste – damit entstehen auch die dafür erforderlichen CO2-Verbräuche nicht (Erläuterung: ein Neubau verbraucht nur für seine Erstellung ca. 500kg CO2 /m², d.h. hier für 1.100m² Nutzfläche ca. 550.000kg CO2, wovon in Gestalt des massiven Rohbaus mind. ein Drittel erhalten wurde. Dafür kann man nun im sanierten, energetisch optimierten Betrieb lange, lange heizen… ).
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Fertiggestellt ist nun ein einladend offenes Quartierszentrum mit ca. 800m² mittels Aufzug etc. barrierefrei hergestellter Nutzfläche aus großem Gemeindesaal, Seminar- und Gruppenräumen, Cafeteria und Foyer, Beratungs- und Verwaltungsräumen. Die meisten Räume sind multifunktional gestaltet, sodass alle Generationen, diverse Vereine und Institutionen, wie z.B. auch die städtische Sozialraumkoordinatorin die Räume nutzen und ihre Dienstleistung für alle Troisdorfer Bürger anbieten können.
Für das quartiersbezogene inklusive Konzept und die Barrierefreiheit erhielt die Gemeinde großzügige Förderungen von „Stiftung Wohlfahrtspflege“ und „Aktion Mensch“.
Planungskennzahlen:
| Nutzfläche Wohnen (4 WE): | 300 m² |
| Nutzfläche Quartierszentrum: | 570 m² |
| Nutzfläche Gemeindebüro: | 210 m² |
| Gesamtprojektbudget: (nach 30% Kostensteigerung 2023-2024) |
4 Mio brutto |
Ablauf Planung und Bau:
| 2020: | Gutachten mit Varianten zur Unterbringung des Raumprogramms im Bestand |
| 2022–2024: | Planung LP 2-8 |
| 2024–2025: | Bauzeit 15 Monate |
| 5.–7.9.2025: | Einweihung im Rahmen des Stadtteilfestes Troisdorf |